Dienstag, 28. August 2007

Kleines Sammelsurium diverser Ansichten über Land und Leute

Da ich nun seit fast drei Wochen in Norwegen bin, sei mir an dieser Stelle gestattet, einige erste Ansichten über diverse Themen zu formulieren und als erste Zwischenbilanz zu posten. Und da es sich irgendwie anbietet, mit dem Land als solchem anzufangen, will ich das gerne tun :)

Norwegen und die Norweger

Wie ist eigentlich Norwegen? Ich kann mich nicht mehr genau daran erinnern, wie ich mir Norwegen vor meiner Ankunft vorgestellt hatte, aber sicher nicht so, wie ich es im Moment erlebe. Norwegen ist anders, das ist vielleicht das erste, was festzuhalten ist. Schauen wir uns zunächst einmal einige Fakten an: Norwegen ist flächenmäßig gesehen das fünftgrößte Land in Europa, besitzt jedoch nur etwa 4 Millionen Einwohnern, was es bevölkerungstechnisch auf den 22. Platz verschlägt - das ist ziemlich weit hinten. Wenn wir den Blick auf die innere Topographie richten, begegnet uns eine weitere interessante Zahl: etwa 70% des Landes werden von kargen Gebirgen und Waldlandschaften eingenommen und sind nicht kultivierbar. Zusammengenommen lassen diese Zahlen ein raues, in weiten Gebieten nahezu entvölkertes Land mit einigen wenigen urbanen Ballungszentren vor unseren Augen entstehen - sofern man dieses Wort im Zusammenhang mit Norwegen überhaupt gebrauchen kann - in denen der überwiegende Teil aller Norweger lebt. Diese besonderen Voraussetzungen im Hinterkopf zu haben, erleichtert im Wesentlichen das Verständnis dieses doch recht eigenen Landes.

Die norwegische Gesellschaft ist nicht nur eine gut funktionierende, moderne Gesellschaft der "Ersten Welt", sondern mit 4 Millionen Mitgliedern auch eine relativ überschaubare und mobile. Das politische System ist stabil und gefestigt (gerade sind in Bergen kommunale Wahlkämpfe - sehr spannend!), das Gesundheitssystem äußerst bürgerfreundlich und nahezu luxuriös im Vergleich mit dem deutschen Gesundheitswesen, der Staatshaushalt einwandfrei im Positiven (nicht zuletzt dank des Öl- und Gasreichtums) und die Arbeitslosenquote stagniert seit vielen Jahren bei groben 4%. Die Norweger können im Großen und Ganzen recht entspannt sein und sind es auch - kein Wunder? Und doch fällt genau das als erstes auf, wenn man aus Deutschland hierher kommt: die Norweger sind viel entspannter und freundlicher, als man es aus Deutschland gewohnt ist. Es fehlt ein gutes Stück deutscher Missmutigkeit, deutscher Unfreundlichkeit, deutscher Ungeduld.. die Mundarten deutscher Geistesart sind in Norwegen zumeist nicht zu beobachten. Ganz im Gegenteil: Auf der Straße begegnen einem auffallend viele ausgeglichene Menschen und beinahe überall, wo Menschen zusammenkommen, lässt sich die nordische, zurückhaltende und in meinen Augen immer wieder einfach nur gelassene Art greifen. Es ist, als ob der Norweger an sich, so schweigsam und zurückhaltend er nun mal seinem Wesen nach sein mag, immer still in sich hineinlächelt und sich in absolutem Einklang mit sich und der Umwelt befindet. Natürlich soll das nicht heißen, dass es nicht auch schlecht gelaunte und unfreundliche Norweger gibt und sicherlich sind mir auch schon einige begegnet, vom mauligen Busfahrer bis zur abweisenden Mitbewohnerin, aber nichtsdestoweniger konstatiere ich nun schon seit meinem ersten Tag hier eine doch recht verschiedene Mentalität, die sich in genereller Art wohltuend von der "typischen" deutschen Art abhebt. Im Schnitt bekommt man häufiger ein Lächeln geschenkt oder wird mit einer freundlichen Bemerkung überrascht, als ich es aus Deutschland gewohnt bin, auch wenn der Norweger an sich tatsächlich ein recht verschlossenes Wesen an den Tag legen kann. Was mich zum nächsten Punkt bringt: Kommunikation mit Norwegern.

Um es vorwegzunehmen: es gibt sie! Ich hatte durchaus die Gelegenheit, mich mit Norwegern zu unterhalten und habe dabei auch immer wieder sehr nette Gespräche erlebt, und dennoch lässt sich nicht leugnen, dass es sicherlich einfachere Dinge gibt, als einen Norweger kennenzulernen. In seinem sehr witzigen Buch "wie man einen Norweger versteht und gebraucht" fragt Odd Børretzen nach den Gründen für diese norwegische Eigenart und greift auf geschichtliche Ursachen zurück. Ich mag ihn im folgenden kurz zitieren, weil es recht witzig ist (anbei habe ich mich an einer laienhaften Übersetzung versucht - leider geht ein wenig Witz in der Übersetzung verloren und ich fürchte, das Original verleitet eher zum Schmunzeln):

I tusenvis av år satt våre gamle i hver sin hule og hadde ingen andre å prate med enn medlemmer av familien. (Etter noen tusen år var det ikke mer å snakke med dem om.) Sitt uttrykksbehov dekket de den gangen ved å hogge navnet sitt på runesteiner. Da de senere så andre mennesker, så de dem langt unna. På et annet fjell eller på andre siden av fjorden. Det førte ikke til samtaler. Man kan ikke samtale med mennesker på så lang avstand. Bare rope. "Makrellen er kommet," ropte de. "Jeg elsker deg," ropte de ikke, for den slags kan ikke ropes.
Det ville, for så vidt, være rart om en kultur som i tusenvis av år har uttrykt seg ved å hogge i stein eller skrike gjennom vinden, ikke fortsatte å snakke i korte setninger eller ikke i det hele tatt.

Vor Tausenden von Jahren saßen unsere Alten in ihren Höhlen und hatten niemanden sonst, mit dem sie sich unterhalten konnten, als die Mitglieder ihrer Familie. (Nach mehreren tausend Jahren gab es nichts mehr, über das es sich zu sprechen gelohnt hätte.) Ihr Ausdrucksbedürfnis stillten sie damals, indem sie ihren Namen in Runensteine hauten. Als sie später andere Menschen sahen, sahen sie sie bloß von weitem. Auf einem anderen Berg oder auf der anderen Seite des Fjordes. Das führte nicht zu Gesprächen. Man kann mit Menschen über eine so weite Entfernung nicht sprechen. Nur rufen. "Die Makrele ist gekommen," riefen sie. "Ich liebe dich," riefen sie nicht, den so etwas kann nicht gerufen werden.
Es wäre insofern recht seltsam, wenn eine Kultur, die sich jahrtausendelang durch Namen in Steine hauen oder in den Wind schreien ausgedrückt hat, nicht fortsetzen würde, in kurzen Sätzen zu sprechen oder aber überhaupt nicht.


Vielleicht liegt die norwegische Einsilbigkeit ja tatsächlich an der alten Methode, bloß von einem Berg zum nächsten zu schreien oder aber überhaupt nicht zu kommunizieren, wer weiß? Nach meinen Erfahrung ist es aber nicht gänzlich unmöglich, nette Gespräche mit den Nordmännern zu führen, und wenn man sie erstmal angesprochen hat und einem nicht ein irritiertes "Jeg kjenner dem ikke/ Ich kenne Sie nicht." entgegenschlägt, sollte sich ein entspanntes Kennenlernen durchaus einrichten lassen. Das Gespräch (norw.: samtale) führt allerdings zu einem weiteren Problempunkt...

Die Norweger und ihre Sprache

Natürlich muss ich als hoffentlich zukünftiger Linguist etwas näher auf dieses doch sehr spezielle Thema eingehen :) Interessieren dürfte es jedoch jeden, der ein wenig Norwegisch gelernt hat und dies in Norwegen ausprobieren möchte. Ist man nämlich einmal in ein Gespräch "geraten", merkt man möglicherweise (je nach Reisegegend) schnell, dass nicht alle Norweger auf die gleiche Weise sprechen, geschweige denn, dass in diesem kleinen Land eine Standardsprache existiert, in die im Bedarfsfall zwei Norweger aus unterschiedlichen Dialektzonen wechseln. Genau das Gegenteil ist der Fall: Dialekte sind Trend in Norwegen, und das nicht erst seit gestern! Norweger lieben es, in ihrem breitesten Heimatdialekt zu quatschen und weichen auf keinen Fall von diesem ab, nicht einmal dann, wenn sie etwa ein hohes Ministeramt bekleiden und Fernsehinterviews geben. Der typische Norweger auf der Straße wird im Notfall (das geschieht auch meist recht schnell) eher ins Englische verfallen, wenn er merkt, dass sein Gegenüber ihn nicht versteht, als zu versuchen, ein standardisiertes Norwegisch zu verwenden (das es wie gesagt auch gar nicht gibt). Und als wenn dies nicht schon schlimm genug wäre, kommt es noch dicker: nicht nur das Gespräch kann sich für einen Nichtmuttersprachler als äußerst schwierig gestalten, auch beim Lesen norwegischer Texte können sich einem unerwartete Hürden auftun: es gibt nämlich nicht nur eine gültige Orthographie, sondern gleich zwei, gemäß dem Faktum, dass es in Norwegen auch zwei Sprachen gibt: Bokmål (dt.: Buchsprache) und Nynorsk (dt. Neunorwegisch). Dass diese beiden Sprache rein linguistisch gesehen nichts weiter als nahverwandte Dialektmischungen sind, macht den Norwegern gar nichts: beide haben politische Gleichberechtigung und stehen als vollwertig ausgebaute Sprachen nebeneinander. Und wer das schon ganz schön protzig findet für ein 4 Millionen Einwohner kleines Land, dem sei gesagt, dass es darüber hinaus auch noch diverse Schreibvarianten innerhalb beider Sprachsysteme gibt. In Deutschland käme es wohl einer bürgerkriegsähnlichen Situation gleich, wenn etwa die Bayern plötzlich anfingen, Deutsch so zu schreiben, wie sie es sprechen, und verschiedene Schreibvarianten wären den Deutschen angesichts der jahrelangen Zänkereien um die Rechtschreibreform wohl ebenfalls nicht zuzumuten.

So aber haben wir in Norwegen eine große Vielfalt bunter Dialekte, die eifrig gehegt und gepflegt werden und nicht etwa Ausdruck irgendeiner Hinterwäldlerherkunft, sondern im Gegenteil Zeichen stolzer Heimatverbundenheit und regionaler Zugehörigkeit sind. In Norwegen begegnet uns also ein Trend zu vermehrter Dialektik, der nicht zuletzt von der Geschichte des Landes herrührt (Norwegen wurde Jahrhunderte von Dänemark und Schweden beherrscht und besaß bloßen Provinzstatus). Von Sprachnormierung kann hier also keine Rede sein, ganz anders, als in den Nachbarstaaten Schweden und Dänemark.

Sonntag, 26. August 2007

Lyrics interruption :)

Uuh, I really love this song and I have to post it in here because there is something inbetween the lines that makes me shiver..

Sieben Jahre Regen, achtzehn Jahre Glück
Dazwischen ein paar Jahre ohne wirkliches Gewicht
Ich nutzte meine Chancen meistens eben nicht
Darum sind meine Schattenseiten nicht zu oft im Licht

Und trotzdem
Bin ich irgendwo
Angekommen
Und trotzdem
Sing ich zuversichtlich
Meinen Song

Sammel meine Kräfte
Finde meinen Mut
Sag mir immer wieder
Jetzt gerade bist du gut

Manchmal singt man Lieder, die hält man selbst kaum aus
Und manchmal ist die Wahrheit dir schon meilenweit voraus
Doch alle deine Fehler hatten einen Sinn
Du solltest sie erst machen, um sie später zu verstehen

The Olli Schulz experience, I owe to Sabrina. Thank you so much for that hint :)

Bergwandern für Dummies, Teil I

Was mag wohl passieren, wenn es sich eines schönen Tages drei Flachländer in den Kopf setzen, eine Bergtour zu machen? Vermutlich fangen sie einfach an zu klettern und schauen, dass sie irgendwo wieder runterkommen, ganz einfach eigentlich? Eigentlich. Am Donnerstag haben sich Hazel, Gerda und Volker (alles nicht sooo die Gebirgstiere *g*) genau dies vorgenommen, und so brachen sie früh morgens gut gelaunt und ziemlich mies ausgestattet von zuhause auf, stiegen in einen beliebigen Bus, fuhren in ein beliebiges Tal und begannen, eine beliebige Straße entlangzulaufen, um gegen Mittag einen beliebigen Pfad zu erreichen, der auf ziemlich beliebigem Wege in die Berge hinaufzuführen versprach.

Auf dem Weg dahin wurden alle drei allerdings wieder einmal mit dem mysteriösen Bergenser Bussystem konfrontiert, an dessen logischer Auslegung und kontemplativer Perzeption wohl schon ganze Generationen von Gelehrten gescheitert sind, und zwar in der Form, dass sie etwa eine Stunde in Nesttun auf den Anschlußbus ins Haukelandtal warten mussten. Zum lustigen Zeitvertreib stand allerdings gegenüber dem Busterminal ein großer Supermarkt, in dem in der Zwischenzeit eifrig Preise verglichen und seltsame Dinge gekauft werden konnten. Ich für meinen Teil erstand ein seltsames Energygetränk, das auf den Namen Battery hört (ich fühlte mich spontan an Metallica erinnert), und das ich während der anschließenden gemütlichen Lunchzeit an der Bushaltestelle in mich hineinzwang. Schmeckte recht bäh und trotzdem irgendwie wieder faszinierend und schien auf recht kurzfristige Art und Weise süchtig zu machen. Bezeichnenderweise und zusätzlich zum Gespöttel meiner Wandergefährten hielt just in dem Augenblick ein Bus mit großer Reklamefläche vor der Haltestelle, auf der ein frankensteinähnliches Vieh mit großem grünen Bollerkopf eben jenes Gesöff trank und sichtbar degeneriert ausschaute. In den nächsten Minuten durfte ich ständig und wiederholt versichern, dass es mir gut geht und nein, die Hautfarbe ist normal und mein Kopf sieht nicht anders aus *gg* (ich weiß nicht, ob man die Dose auf dem Bild erkennt)


Schließlich und irgendwie schon fast unerwartet kam dann aber doch noch der Bus ins Haukelandtal und setzte uns wenig später am Anfang einer Straße ab, die - ihr habt es sicher schon erraten - mal wieder keinen Fußweg aufwies. Glücklicherweise war sie jedoch weit weniger befahren als die Küstenstraße letztens, so dass wir recht lang an dieser Straße entlangwanderten. Ein paar Blicke auf die Umgebung..



Diesen hübschen Falter fanden wir in der Mittagssonne dösend mitten vor unseren Füßen und setzten ihn auf den Grünstreifen. Tja, was sind wir lieb, wa?


Nach einigem Laufen auf viel Asphalt und noch mehr Höhenunterschieden gelangten wir an unser erstes Ziel, den Osavatnet, einen schmalen langgestreckten See, an dessen Südufer ein Pfad in die Berge hinaufführte. Wir genossen eine kurze Pause mit in-eisigkaltem-Wasser-plantschen und Vorräte-auffuttern und machten uns dann daran, das Katladalen hinaufzuklettern. Aber bevor hier von unserer glorreichen Bergtour berichtet werden soll, seien die Hauptdarsteller dieser kleinen Komödie noch einmal kurz visuell vorgestellt.


Dramatis Personae:
Hazel - Flachlandmensch no.01
Gerda - Flachlandmensch no.02
Volker - Flachlandmensch no.03 (nicht abgebildet)
einige Dutzend Schafe

Der Aufstieg durch das Katladalen stellte sich als recht aufwendig heraus und es dauerte etwa eine Stunde, bis wir mehr oder weniger "oben" standen und auf die Nachbartäler hinunterschauen konnten (das Trickreiche an Bergen ist, dass hinter der höchsten Bergkuppe immer wieder neue höhere Hänge auftauchen, die man dann wieder zu der "aber jetzt wirklich letzten und höchsten Kuppe" erklären muss - man negiert sich eigentlich ständig selbst^^).



Oben angekommen machte Flachlandmensch no.03 einen folgenschweren Fehler und kombinierte eine gewisse Faulheit mit einer totalen Fehleinschätzung der Gesamtsituation, nämlich in der Weise, dass er sich weigerte, den gesamten Weg wieder herunterzusteigen, um anschließend die Straße wieder zurückzuwandern, und stattdessen vorschlug, man könne ja über die Bergkette parallel zur Talstraße nach Süden wandern, um schließlich direkt über der Bushaltestelle ins Tal hinabzuklettern. Vorteil aus Flachländersicht: Zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Nette Bergwanderung und gleichzeitig Rückweg zur Bushaltestelle. Denkfehler: Bergwandern auf einer Höhe von 700 m und mit Höhenunterschieden von 200 bis 300m ist nicht wirklich dasselbe, als auf einer asphaltierten Straße zu laufen. Dummerweise schienen Flachlandmensch no.01 und 02 nicht mehr genug Puste zu haben, um dem zu widersprechen, so dass die drei schließlich genau dies taten.



Der erste Teil der Wanderung war wirklich schön und wir genossen ihn sichtlich. Niemand sonst schien diesen Pfad an jenem Tag zu laufen und so sahen wir keine Lebewesen, außer vielen putzigen Bergschafen, die uns misstrauisch beäugten und uns an manchen Stellen nur widerwillig auswichen. Anschließend wurden wir aus sicherer Entfernung angeglotzt.. *g*


Blick hinab ins Haukelandtal. Von oben sah alles zugegebenermaßen einfach erreichbar aus. Doch dann begannen die Dinge langsam heikel zu werden..



Dieser Bergsee - an sich ein idyllischer Ort - stellte sich um etwa 6 Uhr abends als Wendepunkt unserer Stimmung heraus. Wir waren nämlich den ganzen Tag über viel langsamer vorangekommen als wir gedacht hatten, und mussten bis spätestens 8 Uhr wieder an der Haltestelle sein, um nicht den letzten Bus zu verpassen und in der Einöde übernachten zu müssen. Ein Blick auf die Karte zeigte aber, dass sich der Wanderweg noch über mehrere hohe Gipfel nach Süden zog, bevor er irgendwann eine Abzweigung ins Tal erkennen ließ. Was also tun? Wir entschlossen uns, klüger als Klügsten zu sein und uns kurzerhand selbst einen Weg hinab ins Tal zu bahnen ("das ist doch gleich da unten"). Wir folgten einem steinigen kleinen Strom, der am Seeende entsprang, nach unten und mühten uns eine Zeitlang ab, einen extrem steilen Hang hinunterzukommen, bevor wir uns zerknirscht eingestehen mussten, dass wir doch nicht die Klügsten waren und einfach so neue Pfade erfinden konnten. Es blieb uns also nichts anderes übrig, als dem Bergpfad weiterhin zu folgen, in der Hoffnung, dass sich das Wetter hält und wir nicht vor lauter Erschöpfung umfallen.


Tatsächlich begannen sich gegen Abend am Meereshorizont große Wolkenbänke aufzutürmen und von unten drangen flauschige nebelige Schwaden aus den Tälern herauf, die uns auf kurz oder lang die Sicht zu nehmen drohten. Zusätzlich ängstigte uns die Vorstellung, es könnte Regen aufziehen - eine Situation, die angesichts dreier bloß in T-Shirts und kurze Hosen gekleidete Flachlandmenschen nicht gerade als angenehm bezeichnet werden könnte - ich sah mich schon klitschnass übers Gebirge wandern. So wurden die nächsten zwei Stunden ein Wettlauf mit der Zeit und wurden begleitet von misstrauischen Blicken auf den Horizont (tatsächlich waren die Wolkenbänke wunderschön anzusehen und brachten glücklicherweise weder Regen noch dichten Nebel mit sich).






Blick hinab in das lange und sehr nasse Tal zwischen Rislikampen und Livarden, das uns letztlich wohlbehalten nach unten zurückbrachte. Wir folgten total erschöpft einem mit gelben Stöcken gekennzeichneten Pfad, der im Grunde mehr ein Bach als ein Pfad war (unsere Schuhe waren innerhalb kürzester Zeit durchnässt und verschlammt). Der Weg hinab kam mir unendlich lang vor und immer wieder folgte der quälende Blick auf die Uhr und die Hoffnung, rechtzeitig an der Bushaltestelle anzukommen. Gegen Ende des Tales verschwand der Pfad in baumgesäumten Klippen und es ging an einigen Stellen ohne jede Sicherung in schwindelerregende Tiefen hinab (allein, ich war zu erschöpft, um noch Fotos zu machen, und war ganz damit beschäftigt, meine zitternden Beine halbwegs zu koordinieren, um nicht irgendeine tiefe Schlucht hinabzufallen). Als wir uns schließlich fast bis Straße hinabgequält hatten (ihr glaubt gar nicht, wie erleichtert wir waren, als wir selbige durch die Bäume in der Tiefe schimmern sehen konnten!), überholte uns, um die Sache noch peinlicher zu machen, ein unglaublich alter Mann mit unglaublicher hoher Geschwindigkeit... diese Norweger! Anstatt in Altersheimen begegnen einem die Ältesten auf den Bergen, wo sie einen flink wie Schulkinder überholen und auch noch die Luft für einen freundlichen Gruß und eine lockere Bemerkung haben.


Auf der Straße und somit in der Welt der Lebenden angekommen, gönnten wir uns eine kurze Pause und hasteten dann zur Haltestelle zurück, wo wir doch TATSÄCHLICH DEN LETZTEN BUS ERWISCHTEN! Saugutes Timing und ein glücklicher Ausgang einer recht einfältigen Tour *g*

Freitag, 24. August 2007

På besøk oppe på trollfjellet

Eines nicht ganz so schönen Bergenser Tages - es mag wohl schon ein kleines Weilchen her sein - hörten wir davon, dass sich auf einem der Berge oberhalb der Stadt ein sagenumwobener Wald befinden soll, in dem Trolle leben. Wir beschlossen, uns diesen mysteriösen Wald einmal näher anzuschauen und machten uns sogleich an den Aufstieg, um womöglich wirklich einmal echte norwegische Trolle zu Gesicht zu bekommen.

Eine der vielen faszinierenden Seiten an Bergen ist die, dass man mit dem Aufstieg auf einen der umliegenden Berge mitten in der Stadt beginnt. Straßen ziehen sich immer höher die Hänge hinauf und offenbaren so manches schöne alte Stadtviertel, in dem urigen norwegischen Holzhäuser zu bewundern sind.


Nur zögerlich scheint die Stadt einen frei zu geben, so lange läuft man, bis die letzten Häuser zurückweichen und man dem Wald übergeben wird.


Ein letzter Blick zurück durch die Bäume. Stadt und Menschen scheinen Ewigkeiten entfernt zu liegen, vor uns öffnet sich ein leise rauschender Wald, in dem ich hier und da schon einige Wesen erahne, die nicht von menschlicher Art sind.


Über überwachsene Stiegen folgen wir dem Pfad hinauf...


...durch einen schon herbstlich anmutenden Wald.



Und dann war es auch schon soweit: ich glaube, im Unterholz eine schemenhafte Gestalt auszumachen. Ob es wohl ein Troll ist? Mein Herz schlägt schneller, als ich versuche, so leise wie möglich den Pfad zu verlassen und mich in Richtung der Gestalt zu bewegen.


Und tatsächlich! Näher herangeschlichen, erkenne ich, dass es sich wahrhaftig um einen Troll handeln muss. Groß und mit unbeweglicher Miene steht er direkt vor dem Gebüsch, in dem ich hocke.


Während ich mich noch ehrlich über meine Schleichkünste wundere (eine Kunst, die wir Menschen heutzutage nur noch mangelhaft beherrschen), fühle ich mich plötzlich beobachtet: Ein Blick über die Schulter gibt mir die Gewissheit, dass es mit meinen Schleichkünsten doch nicht so weit her ist. Ich sehe mich von Trollgestalten umringt.


Und da taucht auch ein riesiges Trollweib aus dem Nebel auf. Wie sich herausstellte, hieß sie Haugla und war die Mutter all dieser seltsamen Gestalten. Nach einem peinlichen Moment des Schweigens kam ich jedoch ganz gut mit ihr ins Gespräch und bald plauderten wir wie alte Freunde über Menschen und Trolle, über das miese Bergenser Wetter der letzten Tage und die zu erwartende Pilzernte.


Trollkinder spielen gerne, wie ich mitansehen durfte. Gerne machen sie sich einen Spaß daraus, ahnungslose Wanderer zu erschrecken oder ihnen Wurzelfallen in den Weg zu legen. Wer Kontakt zu Trollen sucht, sollte am besten mit ihrer Mutter ins Gespräch kommen und ein bisschen über Trollthemen plaudern. Hat bei mir jedenfalls bestens funktioniert.


Erinnerungsfoto mit Volker und Troll.


Am Schluss durfte ich einem ganz besonderen Ritual beiwohnen: dem Regenbann. Hierbei handelt es sich um eine Trollzauberei, die alle Regenwolken in dern Umgebung so einschüchtert, dass sie in Richtung Norden verschwinden und stattdessen Trondheim heimsuchen ;) Oft genug benutzen die Trolle ihn jedoch auch umgekehrt als Regensang, wenn sie sich wieder einmal über die Menschen geärgert haben und es ihnen heimzahlen wollen, oder wenn sie Angst haben, dass ein trockener Sommer ihre Pilzernte gefährdet. Wie man auf dem Bild sieht, durfte ich sogar mitzaubern!


Danach hieß es Abschied nehmen. Dichter Tau fiel auf Baum und Blatt, als wir uns aufmachten und den Trollwald in Stille und Ehrfurcht verließen.


Auf dem Rückweg genügte ein Blick in den Himmel, um sich von der Wirksamkeit des Regenbanns zu überzeugen: die Wolken schienen wie weggezaubert und waren wohl schon gen Trondheim geflohen. Einige Nachzügler sahen wir aber noch, manche zeigten wundersame Formen, wie diese hier, in der ich einen Vogel sah.


Wunderschöner Sonnenuntergang, beobachtet von unserer Lieblingsbank oberhalb unseres Wohnheims. Danke, liebe Trolle, für dieses schöne Wetter! (und sorry Trondheimer *gg*)

Mittwoch, 22. August 2007

Auf der Suche nach dem Meer

Seit gestern haben wir wieder wunderbarstes Sommerwetter in Bergen. Grund genug für Gerda und mich, endlich einmal ein Tag am Meer zu verbringen, das so nah ist und doch wieder nicht. Was das heißen soll? Nun, Bergen liegt nicht direkt am Meer, sondern genauer gesagt am Bergenfjord. Den Bergrücken westlich der Stadt sind Hunderte großer und kleiner Inseln vorgelagert, die insgesamt genommen den sogenannten Inselgarten vor der Küste bilden. Will man von Bergen aus ans Meer fahren, muss man also zunächst mit dem Bus - sofern man nicht glücklicherweise im Besitz eines Autos ist - in westlicher Richtung auf die Inseln hinausfahren, und zwar mit dem richtigen! Wenn man den Bus nämlich zur falschen Uhrzeit nimmt, fährt er nicht zur Endstation (was in unserem Falle Telavåg gewesen wäre, ein Ort, über den ich keine näheren Auskünfte geben kann, da wir ihn nie erreicht haben *g*), sondern beendet seine Fahrt an irgendeiner hinterletzten Stelle. Da wir nicht noch eine Stunde auf den nächsten Bus warten wollten, haben wir den nächstbesten genommen und sind bis zur letztmöglichen Station gefahren, die in dem Fall Eidesjøen hieß und so ziemlich das verlassenste Nest war, das mir jemals untergekommen ist. Geschätzte drei Holzhäuser, die sich ganz lässig um eine Kreuzung und einen Buswendeplatz gruppieren, bilden den Kern dieser so wichtigen hm.. Ansiedlung.

Und doch hat selbst die letzte Einöde in Norwegen ihren ganz eigenen Charme: Neben der Straße öffnete sich nämlich eine ausgesprochen hübsche und stille Bucht, in der friedlich einige Boote in den glucksenden Wellen schaukelten.


Ein Weg durch Eidesjøen lässt erkennen, wer die wahren Einwohner sind: Schafe und diese eigenartigen Enten/ Gänse was auch immer.


Ein Umstand, der das Wandern auf den Inseln zu einer nicht ganz so angenehmen Sachen macht, ist der, dass die Straßen über keinen Fußweg verfügen, so dass man gezwungen ist, auf der Straße selbst zu laufen, wenn man vorwärts kommen will (vergesst das Umland: steile Felsen mit dichtem Unterholz und Gestrüpp). Wir sind einige Zeit der Straße gefolgt (Norweger rasen mitunter wie Sau, und wenn man die überlebt, überrollen einen womöglich dicke deutsche Wohnmobile), haben dann aber einen ruhigen Seitenweg eingeschlagen, der nach Spilde führte.


Spilde, man mag es kaum glauben, stellte sich als noch kleiner heraus, als es Eidesjøen war. Und dennoch war der Weg dahin sehr nett und als wir am linken Wegesrand einen Pfad hinauf ins Unterholz erspähten, folgten wir ihm kurz entschlossen, um womöglich über das hügelige Umland doch noch zur Küste zu finden. Was soll ich sagen? Wir traten durch diese alte Holzpforte mitten hinein in eine andere Welt, voller Sonnenschein, blühender Heide, meerblauem Himmel und überall großen steinigen Felsrücken. Aber schaut selbst:





Irgendwann hatte die Endlosigkeit aber doch ihr Ende, und zwar in Form langer verrosteter Schafzäune, die uns den weiteren Weg ins Hinterland und damit zur Küste versperrt haben. So haben wir dann nach einer zünftigen Vesper auf einem kleinen Felsplateau unsere sieben Sachen gepackt und sind zur Straße nach Spilde zurückgekehrt. Nach einigen hundert Metern erreichten wir die ersten Häuser (riesige Büsche voller Johannisbeeren, die weder von Menschen noch von Vögeln geernte wurden) und nach einem kurzen Gespräch mit einem netten Einheimischen stellte sich heraus, dass der Weg nur bis an den nächsten See führt und nicht ans Meer. Wir haben uns dann entschlossen, den Weg trotzdem weiter zu gehen und den See zu erkunden, und das war eine sehr gute Entscheidung, denn es war ein sehr hübscher und sehr blauer See, inmitten von Felswänden und bewaldeten Hügeln und gesprenkelt mit einigen kleinen Felseninselchen, die ausschauten wie steinerne Fische, deren Rücken mit Kiefern und Birken bewachsen waren. Ein lauschiger kleiner Weg führte an einigen Hütten und Booten hinab ans Wasser...



...und wenig später mitten hinein in einen kleinen Talkessel, in dem hohe und dichte Sommerwiesen wuchsen. Wir liefen mitten in den Sommer hinein und verloren uns im hohen Gras, in den Sonnenstrahlen, unter grün flimmernden Baumkronen. Vielleicht wird das für immer mein Inbegriff von Sommer sein, dieses kleine Tal...



Nach einer kurzen und sehr steilen Kletterei gelangten wir an eine niedrige steinige Stelle, wo man doch tatsächlich seine Füße ins Wasser tauchen konnte...




Haben wir dann auch gemacht, allerdings nur sehr kurz, was an zwei Dingen lag: 1. war dieser unglaublich blaue See ein Trinkwassersee, in dem Baden verboten war, und 2. kamen seltsame kleine Viecher angeflogen, die sich in Scharen auf die nackte Haut setzen und... ja, irgendeinen Vorgang zwischen beißen und stechen ausführten, der jedenfalls im Endeffekt zu schmerzhaften roten Punkten auf der Haut führte. Wirklich fies, diese kleinen Blutsauger!


Zurück im Sommertal fanden wir einen kleinen Pfad, der wiederum ins Hochland führte. Ihr ahnt sicher schon, was wir gemacht haben..? ;-)



An einigen Stellen in rauen Mengen zu finden: saftigsüße Blaubeeren. Wir stopften uns die Bäuche voll! Übrigens sind Blaubeerbüsche ganz gemeine Geschöpfe, sie wachsen nämlich bevorzugt an jenen Stellen, die nur so aussehen, als ob man da stehen könne. Sobald der hungrige Wanderer aber zwischen den Pflanzen steht und die Hände nach den verlockenden Beeren ausstreckt, bemerkt er, wie der Boden langsam nachgiebt und er nach und nach mehr im Wasser steht, als auf festem Grund. Moor halt. Tja, aber wozu gibts wasserdichte Schuhe? Wie gesagt, wir schlugen uns ungerührt die Bäuche voll *g*



An diesem See fanden wir oberhalb des Ufers einen großen Findling, auf dem man wunderbar dösen und rumliegen konnte. Tat Gerda dann auch, während ich mich aufmachte und ins Nachbartal hinabstieg, um unsere Wasserflasche aufzufüllen.




Diese kleine Brücke war der Endpunkt meiner Wanderung an diesem Tag. Ein kleiner Strom durchquerte dort die Felshänge und führte klares, funkelndes Quellwasser mit sich und selbiges schmeckte einfach göttlich. Kühl und erfrischend. An dieser Stelle sei übrigens einmal erwähnt, dass es ein absolut tolles Gefühl ist, wenn man ohne Bedenken an einem Bach haltmachen und frisches Gebirgswasser trinken kann. An solchen Momenten kommt einem der Gedanke, in Plastikflaschen abgefülltes Industriewasser zu kaufen, unglaublich absurd vor... überhaupt ist so ein Tag in der Natur ein Entfacher neuer Gedanken über unsere Zivilisation und ihre sogenannten Errungenschaften! (Note to self: bei Gelegenheit nochmal weiterdenken...interessant!)



Anschließend drehten wir um und kehrten zu unserer Bushaltestelle zurück, da wir uns abends noch mit ein paar Freunden bei uns zum Sonnenuntergang gucken und kochen treffen wollten. So ging es etwa gegen 17.30 Uhr mit dem Bus über die Inseln zurück nach Bergen, was in sehr kurzer Zeit eine Art Zeitraffer vom Jäger und Sammler zum Großstadtmenschen bedeutet ;)


Claudia präsentiert hier stellvertretend für uns alle unseren Schatz, das Bier (überaus kostbar und ständiges Objektr allgemeiner Begierde). Anschließend schauten wir versonnen in die untergehende Sonne und machten uns schließlich auf den Weg in meine Küche, wo wir ein leckeres Abendessen zubereiteten, es gab nämlich echte französische Crêpes von einer echten französischen Crêpesmeisterin *mjam mjam*




Voilà, Maitress Anne-Sophie, die uns mit leckersten Crêpes beglückte. Merci bien!