Ausblick aus einem Zimmer: Draußen. Ein sonniger, hellflutender Herbsttag, in den das Licht fällt wie Tau. In einigen Metern Entfernung erhebt sich ein niedriger Erdwall, dessen Rücken mit wildem Gras, Heidekraut und niedrigen Kräutern bewachsen ist. Im schrägen Nachmittagslicht ein gedrungenes, buckeliges Wesen, ein einziger haariger Rücken. Aus dem Grasfell strecken Halme vertrocknete Blütenköpfe und tragen schwer an ihnen, eine Ahnung von Sommer, widerspenstig, einem imaginären Kamm zum Trotze. Auf der Anhöhe reckt ein Kirschbaum seine kahlen Zweige empor - kein Wind geht, die Blätter sind längst fort - letzter Ruhepunkt des Auges, und dann: Himmel. Unfassbar blau. Vergeblich kramt der Geist in Wörtern, verwirft eis- und lichtblau, südsee- und kobaltblau, veilchen-, kornblumen- und indigoblau, klares wasserblau, verlässt sodann die bekannten Wege und sucht: Sommerseeblau?, eisiges Lichtglanzblau?, gletschriges Polarhimmelblau?, Glockenblau?, Violinenblau?, lichtdurchtränktes meerschaumduftiges Korallenriffwogenblau? Eine Suche durch alle Sinnesschubladen, durch ein ganzes Leben voller Eindrücke und Wahrnehmungen, und doch bleibt ein nüchternes Erfassen, ein naturwissenschaftliches Kategorisieren aus. Was bleibt, ist das Staunen. Staunen über etwas vollkommen Neues und nie Gesehenes: in unbeholfenen Gedanken bleibt es bei einem Phänomen, dessen Blau sich jeder Beschreibung widersetzt.
Hinter dem Erdbuckel, hinter Wiese, Heide und ungekämmten Pflanzenstängeln: der Mensch. Wie ein Berg aus tausend Spiegeln erhebt sich ein Bauwerk und drängt hinein in Blau und Himmel, in Licht und Gedanken, und steht, und spiegelt das Blau, dieses unfassbare Blau, spiegelt auch die kahlen Bäume, immer wieder aber und hauptsächlich dieses Blau, wirft es mir hin, wirft es mir zu, aus allen Spiegeln: blau. Und ich schaue und schaue - das Licht wird schon schwächer - bald gleicht der Himmel einem leeren Moment zwischen Nachmittag und Abend, bald schaut er blass und aufgeräumt aus, als hätte jemand auf langsame und bedächtige Weise alles Unfassbare und Tiefe aus ihm hinausgekehrt und als hinge er nun, wie ein ausgedeutetes und lange erklärtes Gemälde, dort oben und wartete müde auf die Schließung des Museums, auf das hallende Geräusch des Schlüssels in der schweren Flügeltür des Haupteingangs, das die Besucher am Ende des Tages aus den alten Hallen ausschließt. Und erst jetzt - bereits zu spät - fällt mir ein, dass der Himmel einem Gebilde aus zartesten Wasserfarben glich, ineinander verschwommenen und in feinste Papieradern zerlaufenen Ringen aus blassem Blau und Gelb: Ultramarin und Coelin, wässrige Blüten aus Neapelgelb und Cyanblau, und ich denke an leicht gekräuseltes, windbewegtes Wasser, und ich frage mich, wer etwas so Unfassbares gemalt haben könnte und schaue hinaus, bis das Blau verlischt. Bald müssten die Sterne kommen.
Sonntag, 4. November 2007
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1 Kommentar:
Also entweder lese ich extrem seltsam oder ich habe einfach komische Assoziationen: Beim Lesen deines Eintrags habe ich im ersten Moment nicht das Blau, das du beschreibst, vor Augen, sondern einen von mir imaginierten Troll, der vor deinem Fenster liegt...
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