Dienstag, 28. August 2007

Kleines Sammelsurium diverser Ansichten über Land und Leute

Da ich nun seit fast drei Wochen in Norwegen bin, sei mir an dieser Stelle gestattet, einige erste Ansichten über diverse Themen zu formulieren und als erste Zwischenbilanz zu posten. Und da es sich irgendwie anbietet, mit dem Land als solchem anzufangen, will ich das gerne tun :)

Norwegen und die Norweger

Wie ist eigentlich Norwegen? Ich kann mich nicht mehr genau daran erinnern, wie ich mir Norwegen vor meiner Ankunft vorgestellt hatte, aber sicher nicht so, wie ich es im Moment erlebe. Norwegen ist anders, das ist vielleicht das erste, was festzuhalten ist. Schauen wir uns zunächst einmal einige Fakten an: Norwegen ist flächenmäßig gesehen das fünftgrößte Land in Europa, besitzt jedoch nur etwa 4 Millionen Einwohnern, was es bevölkerungstechnisch auf den 22. Platz verschlägt - das ist ziemlich weit hinten. Wenn wir den Blick auf die innere Topographie richten, begegnet uns eine weitere interessante Zahl: etwa 70% des Landes werden von kargen Gebirgen und Waldlandschaften eingenommen und sind nicht kultivierbar. Zusammengenommen lassen diese Zahlen ein raues, in weiten Gebieten nahezu entvölkertes Land mit einigen wenigen urbanen Ballungszentren vor unseren Augen entstehen - sofern man dieses Wort im Zusammenhang mit Norwegen überhaupt gebrauchen kann - in denen der überwiegende Teil aller Norweger lebt. Diese besonderen Voraussetzungen im Hinterkopf zu haben, erleichtert im Wesentlichen das Verständnis dieses doch recht eigenen Landes.

Die norwegische Gesellschaft ist nicht nur eine gut funktionierende, moderne Gesellschaft der "Ersten Welt", sondern mit 4 Millionen Mitgliedern auch eine relativ überschaubare und mobile. Das politische System ist stabil und gefestigt (gerade sind in Bergen kommunale Wahlkämpfe - sehr spannend!), das Gesundheitssystem äußerst bürgerfreundlich und nahezu luxuriös im Vergleich mit dem deutschen Gesundheitswesen, der Staatshaushalt einwandfrei im Positiven (nicht zuletzt dank des Öl- und Gasreichtums) und die Arbeitslosenquote stagniert seit vielen Jahren bei groben 4%. Die Norweger können im Großen und Ganzen recht entspannt sein und sind es auch - kein Wunder? Und doch fällt genau das als erstes auf, wenn man aus Deutschland hierher kommt: die Norweger sind viel entspannter und freundlicher, als man es aus Deutschland gewohnt ist. Es fehlt ein gutes Stück deutscher Missmutigkeit, deutscher Unfreundlichkeit, deutscher Ungeduld.. die Mundarten deutscher Geistesart sind in Norwegen zumeist nicht zu beobachten. Ganz im Gegenteil: Auf der Straße begegnen einem auffallend viele ausgeglichene Menschen und beinahe überall, wo Menschen zusammenkommen, lässt sich die nordische, zurückhaltende und in meinen Augen immer wieder einfach nur gelassene Art greifen. Es ist, als ob der Norweger an sich, so schweigsam und zurückhaltend er nun mal seinem Wesen nach sein mag, immer still in sich hineinlächelt und sich in absolutem Einklang mit sich und der Umwelt befindet. Natürlich soll das nicht heißen, dass es nicht auch schlecht gelaunte und unfreundliche Norweger gibt und sicherlich sind mir auch schon einige begegnet, vom mauligen Busfahrer bis zur abweisenden Mitbewohnerin, aber nichtsdestoweniger konstatiere ich nun schon seit meinem ersten Tag hier eine doch recht verschiedene Mentalität, die sich in genereller Art wohltuend von der "typischen" deutschen Art abhebt. Im Schnitt bekommt man häufiger ein Lächeln geschenkt oder wird mit einer freundlichen Bemerkung überrascht, als ich es aus Deutschland gewohnt bin, auch wenn der Norweger an sich tatsächlich ein recht verschlossenes Wesen an den Tag legen kann. Was mich zum nächsten Punkt bringt: Kommunikation mit Norwegern.

Um es vorwegzunehmen: es gibt sie! Ich hatte durchaus die Gelegenheit, mich mit Norwegern zu unterhalten und habe dabei auch immer wieder sehr nette Gespräche erlebt, und dennoch lässt sich nicht leugnen, dass es sicherlich einfachere Dinge gibt, als einen Norweger kennenzulernen. In seinem sehr witzigen Buch "wie man einen Norweger versteht und gebraucht" fragt Odd Børretzen nach den Gründen für diese norwegische Eigenart und greift auf geschichtliche Ursachen zurück. Ich mag ihn im folgenden kurz zitieren, weil es recht witzig ist (anbei habe ich mich an einer laienhaften Übersetzung versucht - leider geht ein wenig Witz in der Übersetzung verloren und ich fürchte, das Original verleitet eher zum Schmunzeln):

I tusenvis av år satt våre gamle i hver sin hule og hadde ingen andre å prate med enn medlemmer av familien. (Etter noen tusen år var det ikke mer å snakke med dem om.) Sitt uttrykksbehov dekket de den gangen ved å hogge navnet sitt på runesteiner. Da de senere så andre mennesker, så de dem langt unna. På et annet fjell eller på andre siden av fjorden. Det førte ikke til samtaler. Man kan ikke samtale med mennesker på så lang avstand. Bare rope. "Makrellen er kommet," ropte de. "Jeg elsker deg," ropte de ikke, for den slags kan ikke ropes.
Det ville, for så vidt, være rart om en kultur som i tusenvis av år har uttrykt seg ved å hogge i stein eller skrike gjennom vinden, ikke fortsatte å snakke i korte setninger eller ikke i det hele tatt.

Vor Tausenden von Jahren saßen unsere Alten in ihren Höhlen und hatten niemanden sonst, mit dem sie sich unterhalten konnten, als die Mitglieder ihrer Familie. (Nach mehreren tausend Jahren gab es nichts mehr, über das es sich zu sprechen gelohnt hätte.) Ihr Ausdrucksbedürfnis stillten sie damals, indem sie ihren Namen in Runensteine hauten. Als sie später andere Menschen sahen, sahen sie sie bloß von weitem. Auf einem anderen Berg oder auf der anderen Seite des Fjordes. Das führte nicht zu Gesprächen. Man kann mit Menschen über eine so weite Entfernung nicht sprechen. Nur rufen. "Die Makrele ist gekommen," riefen sie. "Ich liebe dich," riefen sie nicht, den so etwas kann nicht gerufen werden.
Es wäre insofern recht seltsam, wenn eine Kultur, die sich jahrtausendelang durch Namen in Steine hauen oder in den Wind schreien ausgedrückt hat, nicht fortsetzen würde, in kurzen Sätzen zu sprechen oder aber überhaupt nicht.


Vielleicht liegt die norwegische Einsilbigkeit ja tatsächlich an der alten Methode, bloß von einem Berg zum nächsten zu schreien oder aber überhaupt nicht zu kommunizieren, wer weiß? Nach meinen Erfahrung ist es aber nicht gänzlich unmöglich, nette Gespräche mit den Nordmännern zu führen, und wenn man sie erstmal angesprochen hat und einem nicht ein irritiertes "Jeg kjenner dem ikke/ Ich kenne Sie nicht." entgegenschlägt, sollte sich ein entspanntes Kennenlernen durchaus einrichten lassen. Das Gespräch (norw.: samtale) führt allerdings zu einem weiteren Problempunkt...

Die Norweger und ihre Sprache

Natürlich muss ich als hoffentlich zukünftiger Linguist etwas näher auf dieses doch sehr spezielle Thema eingehen :) Interessieren dürfte es jedoch jeden, der ein wenig Norwegisch gelernt hat und dies in Norwegen ausprobieren möchte. Ist man nämlich einmal in ein Gespräch "geraten", merkt man möglicherweise (je nach Reisegegend) schnell, dass nicht alle Norweger auf die gleiche Weise sprechen, geschweige denn, dass in diesem kleinen Land eine Standardsprache existiert, in die im Bedarfsfall zwei Norweger aus unterschiedlichen Dialektzonen wechseln. Genau das Gegenteil ist der Fall: Dialekte sind Trend in Norwegen, und das nicht erst seit gestern! Norweger lieben es, in ihrem breitesten Heimatdialekt zu quatschen und weichen auf keinen Fall von diesem ab, nicht einmal dann, wenn sie etwa ein hohes Ministeramt bekleiden und Fernsehinterviews geben. Der typische Norweger auf der Straße wird im Notfall (das geschieht auch meist recht schnell) eher ins Englische verfallen, wenn er merkt, dass sein Gegenüber ihn nicht versteht, als zu versuchen, ein standardisiertes Norwegisch zu verwenden (das es wie gesagt auch gar nicht gibt). Und als wenn dies nicht schon schlimm genug wäre, kommt es noch dicker: nicht nur das Gespräch kann sich für einen Nichtmuttersprachler als äußerst schwierig gestalten, auch beim Lesen norwegischer Texte können sich einem unerwartete Hürden auftun: es gibt nämlich nicht nur eine gültige Orthographie, sondern gleich zwei, gemäß dem Faktum, dass es in Norwegen auch zwei Sprachen gibt: Bokmål (dt.: Buchsprache) und Nynorsk (dt. Neunorwegisch). Dass diese beiden Sprache rein linguistisch gesehen nichts weiter als nahverwandte Dialektmischungen sind, macht den Norwegern gar nichts: beide haben politische Gleichberechtigung und stehen als vollwertig ausgebaute Sprachen nebeneinander. Und wer das schon ganz schön protzig findet für ein 4 Millionen Einwohner kleines Land, dem sei gesagt, dass es darüber hinaus auch noch diverse Schreibvarianten innerhalb beider Sprachsysteme gibt. In Deutschland käme es wohl einer bürgerkriegsähnlichen Situation gleich, wenn etwa die Bayern plötzlich anfingen, Deutsch so zu schreiben, wie sie es sprechen, und verschiedene Schreibvarianten wären den Deutschen angesichts der jahrelangen Zänkereien um die Rechtschreibreform wohl ebenfalls nicht zuzumuten.

So aber haben wir in Norwegen eine große Vielfalt bunter Dialekte, die eifrig gehegt und gepflegt werden und nicht etwa Ausdruck irgendeiner Hinterwäldlerherkunft, sondern im Gegenteil Zeichen stolzer Heimatverbundenheit und regionaler Zugehörigkeit sind. In Norwegen begegnet uns also ein Trend zu vermehrter Dialektik, der nicht zuletzt von der Geschichte des Landes herrührt (Norwegen wurde Jahrhunderte von Dänemark und Schweden beherrscht und besaß bloßen Provinzstatus). Von Sprachnormierung kann hier also keine Rede sein, ganz anders, als in den Nachbarstaaten Schweden und Dänemark.

2 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Oh... ich hoffe, dass du doch nicht wirklich nur nicht noch ein Semester länger in Bergen bleibst, weil du es dir nicht finanzieren kannst......? :o(

Anonym hat gesagt…

Sag mal, meinst du, in zwei Wochen gibt es bei euch noch Blaubeeren? Ich würde sooo so gerne welche pflücken!