Sonntag, 26. August 2007

Bergwandern für Dummies, Teil I

Was mag wohl passieren, wenn es sich eines schönen Tages drei Flachländer in den Kopf setzen, eine Bergtour zu machen? Vermutlich fangen sie einfach an zu klettern und schauen, dass sie irgendwo wieder runterkommen, ganz einfach eigentlich? Eigentlich. Am Donnerstag haben sich Hazel, Gerda und Volker (alles nicht sooo die Gebirgstiere *g*) genau dies vorgenommen, und so brachen sie früh morgens gut gelaunt und ziemlich mies ausgestattet von zuhause auf, stiegen in einen beliebigen Bus, fuhren in ein beliebiges Tal und begannen, eine beliebige Straße entlangzulaufen, um gegen Mittag einen beliebigen Pfad zu erreichen, der auf ziemlich beliebigem Wege in die Berge hinaufzuführen versprach.

Auf dem Weg dahin wurden alle drei allerdings wieder einmal mit dem mysteriösen Bergenser Bussystem konfrontiert, an dessen logischer Auslegung und kontemplativer Perzeption wohl schon ganze Generationen von Gelehrten gescheitert sind, und zwar in der Form, dass sie etwa eine Stunde in Nesttun auf den Anschlußbus ins Haukelandtal warten mussten. Zum lustigen Zeitvertreib stand allerdings gegenüber dem Busterminal ein großer Supermarkt, in dem in der Zwischenzeit eifrig Preise verglichen und seltsame Dinge gekauft werden konnten. Ich für meinen Teil erstand ein seltsames Energygetränk, das auf den Namen Battery hört (ich fühlte mich spontan an Metallica erinnert), und das ich während der anschließenden gemütlichen Lunchzeit an der Bushaltestelle in mich hineinzwang. Schmeckte recht bäh und trotzdem irgendwie wieder faszinierend und schien auf recht kurzfristige Art und Weise süchtig zu machen. Bezeichnenderweise und zusätzlich zum Gespöttel meiner Wandergefährten hielt just in dem Augenblick ein Bus mit großer Reklamefläche vor der Haltestelle, auf der ein frankensteinähnliches Vieh mit großem grünen Bollerkopf eben jenes Gesöff trank und sichtbar degeneriert ausschaute. In den nächsten Minuten durfte ich ständig und wiederholt versichern, dass es mir gut geht und nein, die Hautfarbe ist normal und mein Kopf sieht nicht anders aus *gg* (ich weiß nicht, ob man die Dose auf dem Bild erkennt)


Schließlich und irgendwie schon fast unerwartet kam dann aber doch noch der Bus ins Haukelandtal und setzte uns wenig später am Anfang einer Straße ab, die - ihr habt es sicher schon erraten - mal wieder keinen Fußweg aufwies. Glücklicherweise war sie jedoch weit weniger befahren als die Küstenstraße letztens, so dass wir recht lang an dieser Straße entlangwanderten. Ein paar Blicke auf die Umgebung..



Diesen hübschen Falter fanden wir in der Mittagssonne dösend mitten vor unseren Füßen und setzten ihn auf den Grünstreifen. Tja, was sind wir lieb, wa?


Nach einigem Laufen auf viel Asphalt und noch mehr Höhenunterschieden gelangten wir an unser erstes Ziel, den Osavatnet, einen schmalen langgestreckten See, an dessen Südufer ein Pfad in die Berge hinaufführte. Wir genossen eine kurze Pause mit in-eisigkaltem-Wasser-plantschen und Vorräte-auffuttern und machten uns dann daran, das Katladalen hinaufzuklettern. Aber bevor hier von unserer glorreichen Bergtour berichtet werden soll, seien die Hauptdarsteller dieser kleinen Komödie noch einmal kurz visuell vorgestellt.


Dramatis Personae:
Hazel - Flachlandmensch no.01
Gerda - Flachlandmensch no.02
Volker - Flachlandmensch no.03 (nicht abgebildet)
einige Dutzend Schafe

Der Aufstieg durch das Katladalen stellte sich als recht aufwendig heraus und es dauerte etwa eine Stunde, bis wir mehr oder weniger "oben" standen und auf die Nachbartäler hinunterschauen konnten (das Trickreiche an Bergen ist, dass hinter der höchsten Bergkuppe immer wieder neue höhere Hänge auftauchen, die man dann wieder zu der "aber jetzt wirklich letzten und höchsten Kuppe" erklären muss - man negiert sich eigentlich ständig selbst^^).



Oben angekommen machte Flachlandmensch no.03 einen folgenschweren Fehler und kombinierte eine gewisse Faulheit mit einer totalen Fehleinschätzung der Gesamtsituation, nämlich in der Weise, dass er sich weigerte, den gesamten Weg wieder herunterzusteigen, um anschließend die Straße wieder zurückzuwandern, und stattdessen vorschlug, man könne ja über die Bergkette parallel zur Talstraße nach Süden wandern, um schließlich direkt über der Bushaltestelle ins Tal hinabzuklettern. Vorteil aus Flachländersicht: Zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Nette Bergwanderung und gleichzeitig Rückweg zur Bushaltestelle. Denkfehler: Bergwandern auf einer Höhe von 700 m und mit Höhenunterschieden von 200 bis 300m ist nicht wirklich dasselbe, als auf einer asphaltierten Straße zu laufen. Dummerweise schienen Flachlandmensch no.01 und 02 nicht mehr genug Puste zu haben, um dem zu widersprechen, so dass die drei schließlich genau dies taten.



Der erste Teil der Wanderung war wirklich schön und wir genossen ihn sichtlich. Niemand sonst schien diesen Pfad an jenem Tag zu laufen und so sahen wir keine Lebewesen, außer vielen putzigen Bergschafen, die uns misstrauisch beäugten und uns an manchen Stellen nur widerwillig auswichen. Anschließend wurden wir aus sicherer Entfernung angeglotzt.. *g*


Blick hinab ins Haukelandtal. Von oben sah alles zugegebenermaßen einfach erreichbar aus. Doch dann begannen die Dinge langsam heikel zu werden..



Dieser Bergsee - an sich ein idyllischer Ort - stellte sich um etwa 6 Uhr abends als Wendepunkt unserer Stimmung heraus. Wir waren nämlich den ganzen Tag über viel langsamer vorangekommen als wir gedacht hatten, und mussten bis spätestens 8 Uhr wieder an der Haltestelle sein, um nicht den letzten Bus zu verpassen und in der Einöde übernachten zu müssen. Ein Blick auf die Karte zeigte aber, dass sich der Wanderweg noch über mehrere hohe Gipfel nach Süden zog, bevor er irgendwann eine Abzweigung ins Tal erkennen ließ. Was also tun? Wir entschlossen uns, klüger als Klügsten zu sein und uns kurzerhand selbst einen Weg hinab ins Tal zu bahnen ("das ist doch gleich da unten"). Wir folgten einem steinigen kleinen Strom, der am Seeende entsprang, nach unten und mühten uns eine Zeitlang ab, einen extrem steilen Hang hinunterzukommen, bevor wir uns zerknirscht eingestehen mussten, dass wir doch nicht die Klügsten waren und einfach so neue Pfade erfinden konnten. Es blieb uns also nichts anderes übrig, als dem Bergpfad weiterhin zu folgen, in der Hoffnung, dass sich das Wetter hält und wir nicht vor lauter Erschöpfung umfallen.


Tatsächlich begannen sich gegen Abend am Meereshorizont große Wolkenbänke aufzutürmen und von unten drangen flauschige nebelige Schwaden aus den Tälern herauf, die uns auf kurz oder lang die Sicht zu nehmen drohten. Zusätzlich ängstigte uns die Vorstellung, es könnte Regen aufziehen - eine Situation, die angesichts dreier bloß in T-Shirts und kurze Hosen gekleidete Flachlandmenschen nicht gerade als angenehm bezeichnet werden könnte - ich sah mich schon klitschnass übers Gebirge wandern. So wurden die nächsten zwei Stunden ein Wettlauf mit der Zeit und wurden begleitet von misstrauischen Blicken auf den Horizont (tatsächlich waren die Wolkenbänke wunderschön anzusehen und brachten glücklicherweise weder Regen noch dichten Nebel mit sich).






Blick hinab in das lange und sehr nasse Tal zwischen Rislikampen und Livarden, das uns letztlich wohlbehalten nach unten zurückbrachte. Wir folgten total erschöpft einem mit gelben Stöcken gekennzeichneten Pfad, der im Grunde mehr ein Bach als ein Pfad war (unsere Schuhe waren innerhalb kürzester Zeit durchnässt und verschlammt). Der Weg hinab kam mir unendlich lang vor und immer wieder folgte der quälende Blick auf die Uhr und die Hoffnung, rechtzeitig an der Bushaltestelle anzukommen. Gegen Ende des Tales verschwand der Pfad in baumgesäumten Klippen und es ging an einigen Stellen ohne jede Sicherung in schwindelerregende Tiefen hinab (allein, ich war zu erschöpft, um noch Fotos zu machen, und war ganz damit beschäftigt, meine zitternden Beine halbwegs zu koordinieren, um nicht irgendeine tiefe Schlucht hinabzufallen). Als wir uns schließlich fast bis Straße hinabgequält hatten (ihr glaubt gar nicht, wie erleichtert wir waren, als wir selbige durch die Bäume in der Tiefe schimmern sehen konnten!), überholte uns, um die Sache noch peinlicher zu machen, ein unglaublich alter Mann mit unglaublicher hoher Geschwindigkeit... diese Norweger! Anstatt in Altersheimen begegnen einem die Ältesten auf den Bergen, wo sie einen flink wie Schulkinder überholen und auch noch die Luft für einen freundlichen Gruß und eine lockere Bemerkung haben.


Auf der Straße und somit in der Welt der Lebenden angekommen, gönnten wir uns eine kurze Pause und hasteten dann zur Haltestelle zurück, wo wir doch TATSÄCHLICH DEN LETZTEN BUS ERWISCHTEN! Saugutes Timing und ein glücklicher Ausgang einer recht einfältigen Tour *g*

3 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Oh, übrigens gibt es außer dem Battery-Drink in Norwegen noch einen Schokoriegel, der Energizer heißt. Das würde doch passen, oder? Beides in Kombination macht dich bestimmt zu jemandem, der ohne Probleme in zwei Stunden eine solche Bergtour hinlegt!

...und jetzt höre ich auf, mich mit Kommentaren zu deinen Einträgen vom Lernen abzuhalten... *g*

Geburtstagsschatzsuchegeschenkschenker hat gesagt…

Klingt idyllisch im Gegensatz zu unserer Tour... ))):

Anonym hat gesagt…

Ha, jetzt hab ich dein Blog auch gefunden. :) Sehr schön, von deinen Impressionen zu lesen. Und Norwegen ist ja sowieso... hach...

Gerade die Bergtouren haben nette Erinnerungen wach gerufen, wenn man so als tyske Weichei bibbernd oben auf dem Ulriken steht und zusätzlich friert beim Anblick der Einheimischen... und deren Kind im kurzen Shirt nicht besseres zu tun hat, als sofort auf den Eisverkauf zuzustürzen. *g*

Ich werd immer mal wieder reischauen *knuddel*
Vinni