Montag, 9. Juli 2007

Andenken an Marie Luise Kaschnitz

Und wenn die Tage der Ferne, denen das weiche, zarte Licht des Heimleuchtens zu eigen ist, das die letzten Stufen des Weges sorgsam dem Dunkeln entblättert, wenn die Tage der Ferne gekommen sind, werde ich mich daransetzen und über die Welt schreiben, die mein Leben ist. Ich werde anfangen bei meinen frühesten Erinnerungen, den gleichsam hintersten Einmachgläsern im Keller meiner Sinne, denen Dinge innewohnen, die ich einfing als kleiner Junge. Ich werde versuchen zu erklären, was die rauschenden Wiesen und Wälder meiner Kindheit für mich waren, was die alte Ziehpumpe im elterlichen Garten, eingerahmt zwischen tiefgrünem, regennassen Frauenmantel und alten Rosenstöcken, werde auch nicht verschweigen, dass dort ein Schuppen stand, in deren oberem Holzgeschoss die Eulen des tages schliefen, die Großen, Stillen. Vielleicht werde ich eine Zeichnung anfertigen von all jenen Orten und Stellen, die mir wichtig waren damals. Ich werde die Pferdeweide einzeichnen und den Hohlweg hin zu dem kleinen See, der im Winter mit seiner Haut aus Eis zum Schlittschuhfahren einlud, auch das Baumhaus im Wald und die hohen Wiesen am Ende der Straße, die mir Grenze waren und Ende der Welt. Und auch wenn ich daran scheitern werde, die alten Düfte und Gerüche mit nüchternen Worten zu beschreiben, so werde ich es wohl dennoch versuchen, und anfangen mit dem süßlichen Geruch von frisch gemähtem Heu im Sommer, von taunassen Wiesen, eingesponnen wie mit tausend zierlichen Seidentüchern von hauchfeinen Marienfäden im Oktober, von feuchtem Laub, von Moos und Pilzen in Wäldern, die wie im Trauerkleid dem Herbst ihre regenschwarzen Stämme feilboten, dem Geruch von Einsamkeit und Stille, wenn Tropfen für Tropfen aus allen Kronen fallen, um bald darauf auf den lieblichen Geruch von Apfelblüte und Kirschblüte, duftendem Geißblatt und herber moschusschwerer Heckenrose zu sprechen zu kommen, der die weißen Sommer erfüllte und ihnen einen Zauber gab, der alle Lüfte durchwehte.

Ich werde dann weiter betrachten, was meine Wünsche und Ziele gewesen waren im Leben, und was aus ihnen geworden sein mag, das alles betrachtet aus dem letzten, dem mildesten Licht aller, und vielleicht werden sie schmal und leicht und gehen in einer einzigen Linie auf, und vielleicht werde ich an jener Stelle das Wort glücklich gebrauchen. Ich werde mich auch nicht scheuen, jene zu benennen, die mir missglückt sind im Laufe der Zeit, oder jene, die ich aus eigenem Fehler verdarb, missverstanden vielleicht von mir in jenen Tagen, die mir noch nicht ausgeleuchtet waren von jener Helle, die mir nur schon als ferner Widerschein vor meine Sinnen gerät. Ich werde vielleicht zu verstehen geben, was mich zu diesem oder jenem bewegte, warum ich Dinge unterließ oder mich an ihnen verhob, werde vielleicht auch gestehen, dass der Widerspruch immer groß war, durch alle Tage hindurch: hinauszuwandern in sternumsäumte Nächte und in Tage, die grün waren voller Mai und Juli, und hell und gleißend unter Sommerhimmeln, und dann wiederum zu verweilen in mir, in den hohen Hallen aller Herbstlichkeit und allen Winden, die von dem Ewigen und dem Kurzen, Fallenden künden, unter blassen Oktobersternen allem bloß zu lauschen und in sich des Lächelns über allem gewahr zu werden. Sicherlich wird es mich einige Überwindung kosten, dies vor mir auszubreiten in all seiner Schlichtheit, mir einzugestehen, dass das alles war, aus dem ich schöpfte und aus dem ich mich erschöpfte, dass dahinter nichts weiter im Verborgenen liegt, dass ich gleichsam hinter den letzten Gläsern die Wand erfahren muss. Und doch werde ich damit zufrieden sein, wenn ich all dies beschrieben habe und vielleicht ruhig werden und die letzten Stufen mit Sorgfalt nehmen und stiller Heiterkeit.

Dienstag, 3. Juli 2007

Und wo kommt dein Familienname her?

Wer hat da behauptet, mir sei langweilig? Nein, nein, ich habe grad bloß nichts zu tun. Wie, das geht euch auch so? Dann schaut doch mal hier nach: http://christoph.stoepel.net/geogen/v3/ Dort findet ihr ein nettes kleines Tool, das die Gebiete innerhalb Deutschlands, in denen euer Familienname in Telefonbüchern auftaucht, einfärbt. Prädikat: Besonders interessant für nicht ganz alltägliche Namen. Müller oder Meyer werden dagegen wohl nur begrenzt auf ihre Kosten kommen. Für manche Nachnamen scheint sich sogar ein ganz bestimmtes Herkunftsgebiet nachweisen zu lassen, wie die Einfärbungen beweisen. The onomastiker to the front!

Päivä helsingissä - Ein Tag in Helsinki

Ein grauer Morgen in Münster... Zeit für ein paar sonnige Finnlanderinnerungen ;-) Letztes Mal habe ich mit suomen luonto begonnen, der finnischen Natur, nun wird es Zeit für ein paar Impressionen aus Helsinki, einer Stadt, die faszinierenderweise ein komplett anderes Finnlandbild vermittelt als die Provinz. Im folgenden könnt ihr euch also davon überzeugen, dass Finnland mehr zu bieten hat als nur Gebäum und Gesträuch, auch wenn sich der Finne an sich ausgesprochen gerne luonnon helmassa aufhält, was einem an der enormen Zahl an mökit, kleinen Wochenendhäuschen im Grünen, durchaus schnell auffallen dürfte.

Doch schauen wir uns nun Helsinki an, wie es sich an einem typischen Sommertag dem gutgelaunten matkailija präsentiert ;-) Fangen wir mit einigen Straßenszenen an.


Da Helsinki direkt an der Ostsee liegt und die halbe Stadt ans Wasser angrenzt, gibt es viele Orte, an denen man direkt am Meer entlangspazieren kann, und das haben wir denn auch ausführlichst getan. Diese Uferpromenade zieht sich vom Fährhafen an einige Kilometer an der Südspitze von Helsinki entlang und mündet an ihrem Ende in einen ausgedehnten Yachthafen.

Kristallklares Ostseewasser.. :-)


Regelmäßige Fährverbindungen nach Suomenlinna laden ein, diese alte Festungsinsel vor den Toren Helsinkis zu besuchen. Die Überfahrt dauert etwa eine Viertelstunde und hält einen schönen Ausblick auf die hinter einem kleiner werdende Stadt bereit. Das Ticket ist in der mehrtägig gültigen Helsinkikarte übrigens inbegriffen, ein erstaunlich billiges Vergnügen für uns, denen bei sonstigen finnischen Preisen gerne mal die Nackenhaare zu Berge standen ;-)


Wieder zurückgekehrt von den Inseln, zeigte sich Helsinki, von der Abendsonne ausgeleuchtet, noch einmal in den schönsten Farben. Das war übrigens zu einer Uhrzeit, in der es in Mitteleuropa schon fast dunkelt war. Aufgrund der langen Tageshelle lässt sich so ein Stadtabenteuer weit bis in den Abend hinein ausdehnen und ich hatte das Gefühl, dass uns am Schluss eher unsere Füße als irgendeine einsetzende Dunkelheit zur Jugendherberge zurückgetrieben haben ;)

Für den interessierten Hobbyfinnen seien hier noch einmal einige nützliche Vokabeln angefügt. Schalten Sie wieder ein, meine Damen und Herren, wenn es heißt: Finnisch? Lern' ich mit links!

luonto - die Natur, wichtig und bedeutungsvoll für (fast) jeden Finnen.
luonnon helmassa - hierbei handelt es sich um eine Ortsbezeichnung. Wenn der Finne sich luonnon helmassa befindet, ist er, in nüchternem Deutsch gesagt, im Grünen. Das finnische Wort helma bedeutet jedoch eigentlich Schoß, der Finne befindet sich also nicht nur draußen, sondern im Schoß der Natur, behütet und aufgehoben. Mal ehrlich, da wirds einem doch ganz warm und wohlig ums Herz!
mökki - das typische kleine Holzhäuschen, dessen Besitz für jeden Finnen oberhalb der Sozialstütze ein Muss ist und in das sich ebensolcher am Wochenende gerne zurückzieht.
matkailija - der Tourist, wörtlich jener, der eine Reise tut. Wird von den Finnen sehr freundlich behandelt, besonders dann, wenn er einige Wörtchen Finnisch herauszubringen im Stande ist. Häufig wünscht man dann auch weiterhin hyvää matkaa, eine gute Reise.

Montag, 2. Juli 2007

Antisemitismus und das Wörtchen schovel

Was haben der Antisemitismus und das kleine aus dem Münsteraner Dialektbereich stammende Wörtchen 'schovel' miteinander gemein? Nichts? Nun, doch!

Manchmal passiert es, dass ein Begriff immer und immer wieder in den Mund genommen wird, ohne dass die meisten Menschen, die es benutzen, sich darüber im Klaren sind, was er eigentlich bedeutet. So geschieht es beispielsweise mit dem Begriff des Semiten. Was ist denn bitteschön ein Semit, was bezeichnet semitisch, und womit beschäftigt sich eigentlich die Semitistik? Ganz besonders frequent ist die Wurzel schließlich in dem bösen Kompositum Antisemitismus, das nicht bloß eine Meinung, sondern zugleich eine tiefe Verachtung für.. ja, für wen eigentlich ausdrückt? Wenn heutzutage von Antisemitismus die Rede ist, ist aller Wahrscheinlichkeit nach Feindseligkeit oder gar Hass gegenüber Juden gemeint. Doch Antisemitismus, ein Begriff, der im 19. Jahrhundert entstanden ist und unter dessen Deckmantel unzählige Greueltaten ihre vermeintliche Berechtigung fanden, ist genau genommen eine ungenaue Bezeichnung, deren Bestandteil Semitismus/Semitisch ursprünglich nicht als religiöse Definition, sondern als ethnische gedacht war.

Nach dem Alten Testament hatte Noah drei Söhne: Jafeth, Ham und Sem. Nach antiken Vorstellungen waren sie es, die nach der Sintflut zu den Stammvätern der Menschheit wurden: Jafeth (oder Jafet) begründete mit seiner Linie alle Völker der nördlichen Hemisphäre, also jene Völker, die ihre Wohnstätten in Europa, Kleinasien und den asiatischen Steppen besaßen, die Nachfahren Hams zeugten unter anderem die Völker der Kuschiter, Ägypter und Kanaaniter, und Sem schließlich war der Stammvater der semitischen Völker, die sich über den Nahen Osten, die Arabische Halbinsel und das östlichste Afrika verbreiteten. Ein Semit, halten wir also erst einmal fest, ist eine ethnisch-volkskundliche Bezeichnung für einen Menschen aus dem Nahen Osten und den angrenzenden Gebieten. Diese antike Klassifizierung übernahm nun im Jahre 1781 August Ludwig von Schlözer, ein Gelehrter vom klassisch humanistischen Schlag, als er sich im Zuge theologischer Studien mit den Sprachen des Orients auseinandersetzte, und postulierte die Verwandtschaft der sogenannten semitischen Sprachen. Aus diesen Beobachtungen entwickelte sich später die Semitistik, die sich auch heute noch mit den Sprachen und der Literatur der semitischen Völker beschäftigt. Doch was hat das nun mit 'schovel' zu tun?

Eine der semitischen Sprachen war und ist das Hebräische, das von den Juden als heilige Sprache ihrer lithurgischen Literatur verwendet wurde. Als sich im frühen europäischen Mittelalter Juden im ostfränkischen Reich niederließen, schufen sie eine eigene Sprache auf der Basis des damaligen Deutsch: das Jiddische. Neben diesen Einflüssen aus dem Deutschen enthielt das Jiddische zahlreiche lexikalische Entlehnungen aus dem Hebräischen, von denen es im Zuge seines fortdauernden Sprachkontaktes mit den deutschen Dialekten und Soziolekten selbstverständlich einige davon weitergab, darunter auch der Begriff, der im heutigen Münsteraner 'schovel' überlebt hat, was soviel wie gemein oder niederträchtig bedeutet. Wenn einem etwa das Fahrrad geklaut wird, dann ist das durchaus schovel. Dass dieses Wort bereits Jahrtausende alt ist, darüber machen sich aber wohl nur die wenigsten Gedanken, und doch finden wir bereits im archaischen Akkadischen, einer frühen semitischen Sprache aus den Tiefebenen zwischen Euphrat und Tigris, eine Form dieser Wortwurzel: šapil- bedeutete damals nichts anderes als 'tief'.

Antisemitismus an sich ist also eine recht unscharfe und im Grunde genommen sogar falsche Bezeichnung für diese böse misanthropische Geistesverirrung, die, muss man schon über sie reden, demnach besser als Antijudaismus bezeichnet werden sollte. Und wenn man schon dabei ist, über dieses Wort zu reflektieren, könnte man auch gleich überlegen, warum wir es eigentlich nicht gleich abschaffen? Einen Verlust stellte es sicher nicht dar!