Man sieht sie selten, und wenn sie in unser Bewusstsein vordringen, sind wir geneigt, den Blick abzuwenden von ihnen, von den Gestalten, die vom Leben so gepeinigt wurden, dass sie an einem bestimmten Moment ihres Seins von allen verlassen wurden, da ihnen die Stigmata der Schwachen, der Gefallenen und vom Leben an dunkle Orte Angespülten anhaftet, das böse Zeichen all dessen, was uns signalisiert, dass diese Menschen verloren haben und irgendwann einfach nicht mehr aufgestanden sind nach ihrem Fallen, sondern liegenblieben im Dunkel jener Orte, von denen sich unsere Blicke abwenden, gleichsam, als fürchteten wir, angesteckt zu werden von jenem Gefallensein. Ich sah einen von ihnen, es war wohl bald Mitternacht, wie er mit einer Taschenlampe in die Mülleimer vor den großen Einkaufsmärkten leuchtete. Das Licht der Lampe warf fahle, zuckende Fäden in die Dunkelheit und schien nicht nur ein Suchen, sondern ebenso etwas Nervöses, Gehetztes zu zeigen, dass nicht recht zu der gebeugten Gestalt passen wollte, die mit großer Langsamkeit hie und da in die Behältnisse griff, um Flaschen oder andere Gegenstände herauszufischen.
Wie lebt einer, der gezwungen wurde, all seinen Wünsche, sämtlichem Sehnen und Verlangen zu entsagen, die ihm Kraft und Antrieb waren? Wie lebt einer, dessen stumpf gewordene Sinne allein darauf ausgerichtet sind, den Tag zu überstehen, irgendwie über die Runden zu kommen, wenigstens manchmal den harten, fordernden Schmerz eines leeren Magens zu stillen? Ich weiß nicht, mit welchem Recht wir diesen Menschen - denn immerhin sind es Menschen! - unsere Blicke verwehren, mit welchem Recht wir sie so weit ins Dunkel zurückgedrängt haben, dass wir in der Lage sind, sie die meiste Zeit über zu vergessen. Können Menschen zu Schandflecken erniedrigt werden, allein weil sie es nicht geschafft haben, das Leben zu bestehen, obwohl sie vielleicht niemals eine ehrliche Chance gehabt haben? Stellen wir uns nun die Aktionäre an einer Börse vor oder schauen uns die Wirtschaftsnachrichten an, die sich um Dividenden und Ausschüttungen, um Ökonomie und Firmenverschlankungen drehen... Mir bleibt in solchen Momenten das warum im Hals stecken.
Freitag, 25. Mai 2007
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